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Charlie Stein

*1986 in Waiblingen
Lebt und arbeitet in Berlin

Safe Playground, 2011



Charlie Stein macht mit ihrer künstlerischen Intervention „Safe Playground“ ein Dilemma unserer Zeit sichtbar, das angesichts der Anfang 2020 global ausgebrochenen Corona-Krise und der damit einhergehenden existentiellen Unsicherheit mehr denn je an Aktualität gewonnen hat: der Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit.

Die Künstlerin präsentiert dem Betrachter vier Spielgeräte, die sich ihrem eigentlichen Zweck, der Erfüllung des kindlichen Bewegungsdranges und der körperlichen Erfahrung von Schaukeln, Klettern, Rutschen und Wippen verweigern. Dies ist eine überraschende Entdeckung am Binger Rheinufer, ist doch die Stadt Bingen bei der Anlage der Spielplätze anlässlich der Landesgartenschau 2008 vorbildlich auf die Interessen, Ideen und Wünsche der Binger Kinder eingegangen, indem diese in einem aufwändigen Prozess spielerisch und gestalterisch abgefragt wurden.

Die an klinische Reinheit erinnernde weiße Farbe der Spielelemente von „Safe Playground“ entzieht sich einer kindgerechten, meist an den Primärfarben orientierten farbigen Gestaltung. Sie verweist zum einen auf die Verweigerungshaltung der Objekte, als Spielgeräte zu fungieren, zum anderen ist sie ein künstlerischer Kommentar zur Kulturgeschichte der Skulptur. Über Jahrhunderte galten weiße Marmorskulpturen nach vermeintlich antikem Vorbild als Schönheitsideal. Johann Jakob Winckelmann (1717–1768), der als Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und Kunstgeschichte gilt, schrieb in seinem Hauptwerk, der „Geschichte der Kunst des Altertums“, ein schöner Körper sei um so schöner, je weißer er sei. Winckelmann wusste von Farbspuren auf antiken Kunstwerken, er lehnte die „barbarische Sitte des Bemalens von Marmor und Stein“ aber ab. Erst in den letzten Jahrzehnten ist durch die Forschung von Archäologen auch für ein breites Publikum bekannt geworden, dass antike Skulpturen ursprünglich keineswegs in klassizistischem Weiß gehalten, sondern bunt bemalt waren, was nicht nur das verbreitete Bild der Antike, sondern auch der Geschichte der Skulptur maßgeblich verändert hat.

Steins „Sicherer Spielplatz“ (safe = sicher; playground = Spielplatz) verwehrt nun nicht nur die für solche Orte übliche visuelle Stimulierung, sondern vor allem auch eine körperliche Sinneserfahrung. Gerade Kinder nehmen ihre Umwelt verstärkt über physische Aktivitäten wahr und sind erst so in der Lage, ein Verständnis für Ursachen- und Wirkungszusammenhänge auszubilden. Gerade Spielplätze, die in der westlichen Welt neben Kindergarten und Schule zu den wichtigsten Orten der kindlichen Entwicklung außerhalb des häuslichen Bereiches gehören, müssen Raum für eine Auseinandersetzung mit kalkulierbaren Risiken und Gefahren anbieten. Bereits 1978 vertraten Richter am Bundesgerichtshof die Auffassung, Kinderspielplätze sollten die Freude am Abenteuer und am Bestehen eines Risikos vermitteln, da Kinder nur so frühzeitig lernen könnten, mit risikoreichen Situationen und Gefahren umzugehen.

Das Streben nach Sicherheit scheint ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein, auch wenn unterschiedliche Gesellschaften verschiedene Sicherheits- und Unsicherheitskonzeptionen aufweisen. Die Idee von „Sicherheit“, die sich in der Moderne entwickelt hat, zeichnet sich durch einen speziellen Umgang mit Risiko aus. So kann die moderne westliche Gesellschaft als Risikogesellschaft angesehen werden, da Gefahren und Bedrohungen als Risiko interpretiert werden und proaktive und reaktive Handlungen und Entscheidungen einfordern, während in früheren Jahrhunderten Gefahren der Natur, dem Schicksal oder einem religiösen Kontext zugeschrieben wurden und damit außerhalb des menschlichen Einflussbereichs standen. Das Prinzip der Sicherheit steht dabei der Freiheit gegenüber und wirft die Frage auf, wie stark Freiheit eingeschränkt werden kann, muss oder soll, um mehr Sicherheit zu gewinnen. An den soziologischen Fragen und Bezügen, die „Safe Playground“ aufwirft, lässt sich ablesen, dass das künstlerische Schaffen von Charlie Stein, die Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in München und in Peking sowie Bildhauerei und Neue Medien an der Staatlichen Kunstakademie in Stuttgart studiert hat, nicht zuletzt auch von ihrem Studium der Politikwissenschaften beeinflusst ist.

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