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Andreas Burger

*1967 in Meran, Italien
Lebt und arbeitet in Berlin

Fahrradschlauch, 2016



Bei der in Bingen ausgestellten Arbeit „Fahrradschlauch“ von Andreas Burger handelt es sich um eine Auseinandersetzung mit dem 1913 entstandenen „Fahrrad-Rad“ des französischen Konzeptkünstlers Marcel Duchamp (1887–1968), der als einer der wichtigsten Künstler der 20. Jahrhunderts gilt. 1912 hatte sich dieser von dem klassischen Medium der Malerei abgewandt – auf der Suche nach Wegen, den traditionellen Kunstbegriff neu zu denken. 1913 montierte er eine Fahrradfelge auf einen Hocker („Fahrrad-Rad“), 1914 signierte er einen Flaschentrockner und stellte 1917 auf einer Ausstellung in New York mit „Fountain“ (Springbrunnen) ein seitlich gekipptes und signiertes Urinal als Kunstwerk aus. Die Referenz zu Duchamp hat sich erst während der Entstehung des Kunstwerkes entwickelt. Burger, der sich in Berlin viel mit dem Fahrrad bewegt, hat regelmäßig einen platten Reifen. Aus dem Ärger darüber entstand ein künstlerisches Konzept. In dem Zeitraum vom 7. Februar 2013 bis zum 17. Januar 2016 „sammelte“ Burger, statt einen neuen Schlauch aufzuziehen, die Löcher, die den platten Reifen verursachten. Nun stellte sich für den Künstler die Frage, wie er den in diesem Zeitraum insgesamt 27-mal geflickten Schlauch präsentieren solle. An diesem Punkt kam die Referenz zu Marcel Duchamp ins Spiel.

Mit seinen Readymades (abgeleitet aus dem englischen „ready-made article“ = Fertigware) erhob Duchamp vorgefundene Alltagsgegenstände zu Kunstobjekten. Damit hatte er die Kunstwelt revolutioniert. Denn es war nicht mehr die handwerkliche Virtuosität des Schaffensprozesses, der ein Objekt zum Kunstwerk machte, sondern das ihm zugrunde liegende Konzept und die damit verbundene intellektuelle Leistung des Künstlers.

Burgers Kunstwerk unterscheidet sich dabei mehr von Duchamps „Fahrrad-Rad“, dem ersten Readymade der Kunstgeschichte, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Schließlich handelt es sich bei „Fahrradschlauch“ gar nicht wirklich um ein Readymade, hat der Künstler sich die konzeptuelle Grundlage sowie die spezifische Materialität des Objektes doch erst mit seinen vielen Fahrten durch die Stadt Berlin „erarbeitet“. Dabei spielte auch der Zufall eine große Rolle, wusste er doch nie, wann das nächste Loch im Reifen auftauchen würde. Im Gegensatz zu Duchamp belässt Burger außerdem Hocker und Gabel nicht in ihrem Originalzustand, sondern gibt ihnen einen einheitlichen hellgrauen Farbton und damit die funktionale Anmutung eines „Sockels“. Auch den Hocker selbst hat Burger nicht, wie Duchamp, einfach vorgefunden. Denn um sich bezüglich der Maße der Vorlage Duchamps anzunähern, musste er den ausgewählten Barhocker erst umarbeiten. Somit war also das Zitieren Duchamps aufwendiger, als man vermuten könnte.

Der Einzug von Duchamps „Fahrrad-Rad“ in die Kunstgeschichte gestaltete sich alles andere als einfach. Das erste, 1913 gefertigte „Fahrrad-Rad“ ging vermutlich mit Beginn des 1. Weltkriegs und Duchamps Umzug nach New York verloren. Der Verbleib einer zweiten Version von 1916 ist ebenso unbekannt. Die dritte und älteste erhaltene Version entstand 1951– die erste, die Duchamp datierte und signierte – und befindet sich heute im Museum of Modern Art in New York. In den 1960er-Jahren entstanden insgesamt 14 Repliken, von denen eine 2002 in New York für gut 1,7 Millionen Dollar versteigert wurde. Vor 100 Jahren hätten es sicher weder Duchamp noch die Kunstwelt für möglich gehalten, dass ein Readymade jemals einen derartigen Preis erzielen würde.

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